ertrinken in achtzig litern tränen

„Everything is fluid when we think of it.
We are more water than substance.
And it pours from us,
in tears, blood, sweat.
In our passions, in the heat of love,
in the waste released.
Ever liquid in, out.
Mingling together as river’s meeting,
in the giving of our lives over
to one another.
Each day’s pleasure and pain
asks for our immersion,
in our tending of the young,
the infirm.
We cannot escape the truth
that in life’s basic needs we sink,
or swim.
That while we might dry our hands,
our affluence has a way of shielding
us from this this reduction again to water,
that we ever drawing and releasing.
Ever giving ourselves up to,
as it carries us along.“

Gedicht: Ana Lisa de Jong
Living Tree Poetry
July 2o2o

Collage „Ertrinken in 80 Litern Tränen“

Jährlich nehmen sich siebenhunderttausend Menschen das Leben. Achtzig Prozent davon sind Männer. Eine erschreckend hohe Zahl, die zeigt, wie verschlossen und unsensibel wir mit mentalen Krankheiten und den Emotionen damit in unserer Gesellschaft umgehen. Der Grund, weshalb ich mich mit dieser Thematik für meine Kollektion im vierten Semester auseinandergesetzt habe.

Auf der Grundlage des Gedichts und dem vorgegebenen Wort „Fluid“ (engl. fließend, Flüssigkeit) habe ich mich damit auseinandergesetzt, welche Rolle Gefühle, Emotionen und vor allem Tränen in unserem Leben spielen. Jeder Moment in unserem Leben ist gefüllt mit unseren Gefühlen und Emotionen – in manchen fühlen wir mehr, in den anderen weniger. Tränen sind in allen Momenten ein Zeichen von Trauer, Liebe, Glück, Wut oder anderen Emotionen. Sie drücken oft noch viel mehr aus, als Worte es in diesen Augenblicken je könnten.

Im Laufe eines Lebens vergießt ein Mensch durchschnittlich etwa fünf Millionen Tränen, was rund 80 Litern Tränenflüssigkeit entspricht. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft wird das Zeigen von Gefühlen häufig als „Schwäche“ wahrgenommen oder kann sogar als Angriffsfläche genutzt werden. Dies führt dazu, dass viele Menschen negative Emotionen verdrängen oder sie als irrelevant empfinden, um zu funktionieren und nach außen hin den Anschein zu erwecken, alles sei in Ordnung.

Ein ungünstiges oder gar nicht unterstützendes Umfeld kann zudem dazu führen, dass Betroffene keine Hilfe suchen. Besonders auffällig ist, dass dieses Verdrängen von Gefühlen häufig bei Jungen und Männern vorkommt – eine Tatsache, die möglicherweise die hohe Zahl der männlichen Suizide erklärt. Es ist an der Zeit, diese Themen offen anzusprechen und einen Raum zu schaffen, in dem Gefühle akzeptiert und verstanden werden können. Nur so können wir beginnen, das Stigma rund um psychische Erkrankungen abzubauen und denjenigen zu helfen, die leiden.

Es ist oft schwierig, von außen zu erkennen, wenn es einer Person schlecht geht, da sie nach außen hin den Anschein erweckt, alles sei in Ordnung. Viele Menschen „ertrinken“ in ihrer Einsamkeit und kämpfen allein gegen ihre negativen Gefühle und Emotionen. In meiner Kollektion möchte ich sowohl die glücklichen Momente als auch die schweren Zeiten, die von negativen Empfindungen geprägt sind, zum Ausdruck bringen.

Ein zentrales Anliegen meiner Arbeit ist es, darauf aufmerksam zu machen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sind. Daher ist ein sensibler und empathischer Umgang mit unseren Mitmenschen von großer Bedeutung. Um diesen Kontrast zwischen Freude und Leid deutlicher darzustellen, habe ich zwei Kleider entworfen: ein kurzes und ein langes Kleid.

Das kurze Kleid symbolisiert all die glücklichen Momente in unserem Leben – die Augenblicke voller Freude und Leichtigkeit. Im Gegensatz dazu steht das lange Kleid für die schweren Lebensphasen, in denen wir mit Herausforderungen und inneren Kämpfen konfrontiert sind. Beide Kleider erscheinen von außen makellos und rein; der Schmutz, die Last und die Probleme sind nicht sofort sichtbar.

Doch bei Nacht, wenn man allein mit seinen Gedanken ist, kommen oft die dunklen Gedanken ans Licht – Selbstzweifel, Angst und Einsamkeit können übermächtig werden und hinterlassen ein Gefühl der inneren Unruhe. Um dieses Konzept visuell darzustellen, habe ich Schwarzlichtfarbe verwendet. Tagsüber bleibt der innere Kampf verborgen; erst im Dunkeln treten die unsichtbaren Flecken hervor und offenbaren die emotionalen Wunden.

Mit dieser Kollektion möchte ich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass hinter einer scheinbar perfekten Fassade oft eine tiefere Traurigkeit verborgen liegt. Es ist wichtig, dass wir lernen, sensibel auf unsere Mitmenschen zu achten und ihnen Raum zu geben, ihre Gefühle auszudrücken – denn jeder Mensch hat seine eigene Geschichte zu erzählen.

In beiden Kleidern habe ich einen engen Formkragen verarbeitet, um der tragenden Person ein bewusst unangenehmes Gefühl zu vermitteln. Er symbolisiert das Gefühl eines „Kloßes im Hals“, das entsteht, wenn man vor Angst, Wut oder Schreck nicht in der Lage ist, ein vernünftiges Wort herauszubringen. Der Hals schnürt sich zusammen und vermittelt ein Gefühl der Beklemmung.

Das lange Kleid ist eng geschnitten und verstärkt somit das einengende Tragegefühl. Der sehr hohe Schlitz gewährt einen Blick auf die Körperstellen, die wir normalerweise zu verbergen versuchen. Diese Offenheit stellt die Frage: Machen wir uns nicht verletzbar, wenn wir anderen Einblicke in unser Inneres gewähren? Es ist eine paradoxe Situation – je mehr wir zeigen, desto mehr riskieren wir, verwundbar zu sein.

Der schwere und lange Rock des Kleides symbolisiert zusätzlich das belastende Gefühl von Traurigkeit. Darüber hinaus wird ein Schleier aus Tüll hinzugefügt, der unter dem Rock hervorkriecht – eine Metapher für die dunkle, alte Vergangenheit, die viele von uns wortwörtlich mit sich herumschleppen. Dieser Schleier steht für die emotionalen Gepäckstücke, die oft verborgen bleiben, aber dennoch unser Leben beeinflussen.

Auf Höhe des Herzens sind aufgestickte Scherben angebracht, als wäre das Herz in tausend Stücke zerbrochen. Diese Darstellung verdeutlicht den Schmerz und die Verletzlichkeit, die viele Menschen empfinden, wenn sie mit ihren inneren Kämpfen konfrontiert sind. Jedes Stück steht für eine Erfahrung oder eine Enttäuschung, die uns geprägt hat und uns daran erinnert, dass wir trotz äußerer Schönheit und Anmut oft innere Narben tragen.

Mit diesen Designelementen möchte ich nicht nur ästhetische Akzente setzen, sondern auch eine tiefere emotionale Botschaft transportieren: Die Komplexität menschlicher Gefühle und Erfahrungen ist vielschichtig und oft verborgen unter einer Fassade von Stärke und Perfektion. Es ist wichtig, diese Themen anzusprechen und Raum für Verletzlichkeit zu schaffen – sowohl in der Mode als auch im täglichen Leben.

Das kurze Kleid hingegen verkörpert die positiven, glücklichen Momente im Leben. Auf Herzhöhe befindet sich eine Drapierung, die fast so wirkt, als würde sie direkt aus dem Herzen heraussprudeln. Diese Darstellung symbolisiert das Gefühl, dass in glücklichen Augenblicken das Gute förmlich aus uns herausströmt und in die Welt hinausgetragen werden möchte.

Das Tragegefühl des kurzen Kleides ist leicht und beschwingt, was den Eindruck von Freude und Unbeschwertheit verstärkt. Die weitgeschnittene A-Linie sorgt für ausreichend Freiraum und Beweglichkeit, sodass man sich frei entfalten kann – ein Ausdruck der Leichtigkeit, die mit Glücksmomenten einhergeht.

Die dramatischen Schultern des Kleides sind ein weiteres wichtiges Designelement: Sie stehen sinnbildlich dafür, dass einem wortwörtlich die Last von den Schultern fällt. In Phasen des Lebens, in denen es gut läuft, können wir unsere Sorgen ablegen und uns auf das Positive konzentrieren.

Ein besonderes Merkmal des kurzen Kleides ist der Schleier, der außen angebracht ist und mithilfe von eingearbeiteten Magneten nach Belieben drapiert werden kann. Dies ermöglicht es der tragenden Person, den Schleier je nach Stimmung oder Anlass zu gestalten – eine Metapher dafür, wie wir unsere Emotionen ausdrücken und anpassen können. Wenn man den Schleier anlegt oder ihn zur Seite schiebt, kann man symbolisch die Last von den Schultern nehmen und sich ganz dem Glück hingeben.

Insgesamt soll das kurze Kleid nicht nur Freude und Leichtigkeit repräsentieren, sondern auch die Idee vermitteln, dass es wichtig ist, diese positiven Momente zu feiern und Raum für sie in unserem Leben zu schaffen. Es erinnert uns daran, dass wir trotz aller Herausforderungen auch Zeiten voller Glück und Zufriedenheit erleben dürfen – und dass es in Ordnung ist, diese Gefühle offen zu zeigen.

In dieser Kollektion werden zwei Kleider entworfen, die die Dualität menschlicher Emotionen und Erfahrungen verkörpern: ein kurzes Kleid, das für glückliche Momente steht, und ein langes Kleid, das die schweren Lebensphasen symbolisiert.

Ich ziele darauf ab, Bewusstsein für psychische Gesundheit zu schaffen und zu betonen, dass Menschen mit inneren Kämpfen oft nicht sofort erkennbar sind. Es fordert einen sensiblen Umgang miteinander und ermutigt dazu, sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte des Lebens anzuerkennen und auszudrücken.

Model
Emma Schütt
Lissette Fürst Gracia

Design
Anna Hampusch


Assistenz
Frankie Natt

Location
Pitch This GmbH


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