dreitausend weiße Kreise

Schlaflose Nächte, blutige Fingerkuppen und Brandblasen vom Zuschneiden der dreitausend Kreise. Vielleicht sind diese Eindrücke ein wenig überdramatisiert, vielleicht aber auch nicht.

Das zweite Semester. Nach unserem Besuch im Museum der bildenen Künste haben wir uns ein Gemälde ausgesucht, welches die Grundlage unserer Kollektion werden sollte. „10 Faces Of White“ war das aktuelle Thema. Ein farbiges Gemälde sollte in zehn weiße Blusen umgewandelt werden.

Blumenstillleben – Rachel Ruysch (1707)

Ich habe mich für das Blumenstillleben von der niederländischen Künstlerin Rachel Ruysch aus dem Jahr 1707 entschieden. Es hat mich irgendie angesprochen und ich schaue die detailgetreuen Blumen immernoch unfassbar gerne an. Als ich meiner Oma von dem Bild erzählt habe, ist mir auch bewusst geworden, warum ich es so schön fand. Bei ihr hingen ähnliche Blumenstillleben und diese habe ich als Kind, wenn ich bei ihr übernachten durfte, so gerne angeschaut. Sie haben was wohltuendes in mir ausgelöst, ein bisschen zu Hause eben.

Als ich mehr über die Künstlerin herausfand, war ich noch begeisteter von meiner Auswahl. Rachel Ruysch ist im siebzehnten Jahrhundert in Den Haag geboren und wurde 86 Jahre alt. Sie war für die damaligen Umstände eine sehr erfolgreiche Künstlerin. Als Frau in dieser Zeit so erfolgreich gewesen zu sein, macht sie sehr bewundernswert. Sie erwarb sehr viel Wissen von ihrem Vater, der Professor für Botanik und Anatomie und besitzer einer Kuriositätensammlung war. Ihre jüngere Schwester malte ebenfalls Stillleben und so begann Rachel Ruysch sehr früh, sich in diese Richtung ausbilden zu lassen. Ihr Mann, den sie mit 31 Jahren heiratete, war ebenfalls Künstler. Neben ihrem Job zog sie, zusammen mit ihrem Mann, zehn Kinder groß. Rachel Ruysch war die erste Frau in der Malergilde in Den Haag. Sie und ihr Mann hatten ausgezeichnete Beziehungen zu den Fürstenhäusern und somit war Rachel Ruysch die Hauptverdienerin in der Familie. Ihre Blumenstillleben nahmen mehrere Monate Arbeit in Anspruch und wahren teilweise mehr wert, als die berühmten Gemälde ihrer männlichen Kollegen. Sie inspirierte mehrere Generationen von Künstlern und blieb ihrer Genauigkeit und Leidenschaft an ihrer Kunst immer treu.

Wenn man sich ihre Bilder genauer anschaut und sich etwas mit den darauf gezeigten Blumen auskennt, merkt man, dass diese nicht zur selben Saison wachsen, was es zu ihrer Zeit unmöglich macht, diese zusammen zu porträtieren. Sie eignete sich die Präparierfähigkeiten ihres Vaters an, welche ihr ermöglichten die Blumen so aufzubereiten, dass sie so real und frisch ausgesehen haben, als wären sie gerade aufgeblüht.

Zurück zu der Kollektion. Wir sollten eine qualitativ hochwertige Kollektion aus zehn Modellentwürfen, basierend auf einer klassischen weißen Hemdbluse, erstellen. Als Inspiration dient das oben erwähnte Gemälde, aus welchem wir Formen, Farben, Strukturen und Kontraste als Analogien in abstrahierter Form auf eine weiße Bluse übertragen sollten. Am Anfang habe ich mich etwas schwer getan und brauchte ein paar mehr Anläufe. Doch als ich meine Idee gefestigt hatte, war ich quasi nicht mehr zu stoppen.

Ich habe mir Wörter aufgeschrieben, die mir beim Anschauen von meinem Gemälde eingefallen sind: Schönheit, Ästhetik, Realität, Blumen, Natur, Struktur, Ordnung, Unordnung, Volumen, Wärme, Geborgenheit, Ruhe, Schwung…

Aus diesen Wörtern kann man später wieder Zusammenhänge mit meinen fertigen Designs bilden. Doch zu diesem Zeitpunkt meiner Ideenentwicklung konnte ich nichts mehr mit den Wörtern anfangen. Ich habe begonnen, die vielen unfangreichen Blumen zu minimalisieren. Ich habe mir überlegt welche Grundformen in einer skizzierten Blüte stecken und hab diese dann immer weiter runtergebrochen, bis ich zu einem einzelnen Kreis gelangt bin.

Skizzen während der Ideenfindung

Der einzelne Kreis. Der sollte mir später noch alle Nerven kosten. Ich habe mir dann überlegt, wie ich die Blüten aus dem Gemälde aus Stoff darstellen kann ohne sie zu kitschig oder gebastelt wirken zu lassen. Aus Nesselstoff habe ich große und kleine Kreise ausgeschnitten und diese dann in der Mitte mit einer Stecknadel an der Puppe befestigt. Das sah gar nicht schlecht aus und ich habe immer mehr Kreise dazugesteckt. Mit der gewissen Menge sahen die vielen Kreise aus wie eine gewaltige Blüte. Genau das, was ich haben wollte.

erste Drapierungen während der Kollektionsentwicklung

Mit diesen Teilen konnte ich jetzt übrlegen, wie ich es in eine weiße Bluse umsetzte. Diese Blütensegmente konnte ich beliebig ansetzten. An den Ärmeln, am Kragen, von oben nach unten und andersrum. Die Ideen sprudelten nur so aus mir heraus und ich habe die ersten Skizzen gemacht.

Diese Skizzen sind nur ein kleiner Einblick. Die Aufgabe war es mindestens zehn Modelle zu entwerfen. Zusammen mit unseren Dozenten haben wir uns für zwei finale Designs entschieden. Aus Zeit- und Kostengründen fertigen wir nie die gesamte Kollektion. Auf Skizze 2 und Skizze 5 sind die auserwählten Designs zu sehen.

In der manuellen Schnittkonstruktion haben wir die Schnitte für die klassischen Hemdblusen erstellt, welche dann individuell an die Designs angepasst wurden. Wir haben aus Nesselstoff Probemodelle genäht, um zu üben und eventuell Änderungen vorzunehmen. Die einzelnen Etappen in der Ideenfindung bis hin zur Fertigung wurden von unseren Dozenten betreut und in den Zwischenprüfungen konnte man die jeweiligen Fortschritte erkennen.

Dann irgendwann haben wir den finalen Stoff bekommen. Eine weiße Popeline mit 2% Elasthan. Meine Grundschnitte waren nicht schwer zu fertigen und das ging relativ schnell. Das große Abenteuer begann erst, als uns der Stoff aus ging und ich Kreise, Kreise und Kreise zugeschnitten habe. Ich habe meine Kommilitonen nach Stoffresten angebettelt und jeden Zentimeter versucht zu benutzten. Die Zeit rennt komischer Weise vor der Abschlussprüfung immer so furchtbar schnell und der Schlafrhythmus ist plötzlich völlig ungesung bis gar nicht vorhanden. Ein großes Danke an Lotta F., die mir in den letzten Stunden geholfen hat. Sie hat mit mir die Kreise zugeschnitten. Vom Zuschneiden hatte ich Brandblasen an den Händen und vom Nähen blutige Fingerkuppen. Das Denken hat um vier Uhr nachts noch funktioniert, doch wollten die Hände nicht mehr die Befehle ausführen und haben ständig daneben gestochen. Ich habe Stunden daran gesessen die einzelnen Kreise punktuell an die Blusen zu nähen, um das gewünschte Volumen herzustellen.

Ungefähr zehn Minuten vor meiner Abschlussprüfung haben wir die letzten Kreise angenäht, doch die Arbeit hat sich so unfassbar gelohnt. Ich bin sehr stolz auf meine zwei Blusen. So schnell nähe ich wohl keine Kreise irgendwo ran.

10 Faces Of White – Anna Hampusch

Meine zwei Blusen nochmal im Detail:

Technische Zeichnung Design 1
Design 1
Technische Zeichnung Design 2
Design 2

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