fünf Meter Stoff

Fünf Meter Stoff sind eine überwältigendende Menge und am Ende doch zu wenig. Wie ich, ohne Verschleiß zu produzieren, mein Talent geweckt und mein erstes Kleid designt habe.

drapiertes Kleid

Vorweg: Ich bin weder ein Ausnahmetalent, noch mit unendlicher Begabung vom Himmel gefallen. Das Talent, von dem ich schreibe, schlummert in irgendeiner Art und Weise in jedem von uns. Man muss nur wissen, wie man es provoziert und somit zum Vorschein bringt.

Im Herbst 2022 habe ich meine Ausbildung zur Maßschneiderin & Modedesignerin begonnen und unsere erste Aufgabe hatte es in sich. Wir sollten aus fünf Metern Stoff an der Puppe ein Kleid drapieren und dieses anschließend per Hand von der Kleiderbüste nähen. Damit wir ein Gefühl für das ganze bekommen, haben wir vorerst mit Nesselstoff (Baumwollgewebe in Leinwandbindung) drei verschiedene Designs drapiert.

Da standen wir nun – mehrere Meter unverarbeiteter Ideen und unschuldige Möchtegerndesigner:innen. ‚Fangt einfach an und hört auf den Stoff.‘, waren die Worte von unseren Dozenten. Aber an welcher Ecke soll man beginnen und was sagt einem der Stoff dann?

Einige Stunden später und viel mehr Stecknadeln weniger, lagen die Nerven blank und Aufgeben war aufeinmal eine Option. Wenn man die fünf Meter Stoff doch irgendwie gebändigt bekommen und auf der Puppe hatte, war es aber noch lange kein Kleid, was sich hätte sehen lassen können. Also alles abstecken und von vorne beginnen. Wieder waren es fünf Meter. Es folgten weitere Tage Verzweiflung, Frustration und Stoffgebilde, die an ein Kleid erinnern sollten. Doch endlich. Ein Kleid, was mit ein bisschen hier und dort und so endlich zufriedenstellend war, also fast. Die Dozenten hatten ebenfalls ihre Wünsche und Vorstellungen geäußert, welche man nun auch noch umsetzten musste. Doch irgendwann hat es ‚klick‘ gemacht. Nach und nach kam die verlorengeglaubte Kreativität und Zufriedenheit zurück. Und plötzlich machte es auch Sinn ‚auf den Stoff zu hören‘ und ihn nicht in eine Ecke zu pressen, in die er eigentlich nicht will. Er gab zwar keine konstruktive Kritik von sich, sah aber einfach bescheiden aus, wenn man sich ihm entgegengesetzt hat.

Da war also irgendwie das erste Kleid auf der Puppe. Ich erinnere mich noch. Ich bin geplatzt vor Stolz! Meine ganze Galerie war voller Fotos und Videos. Jeder Blickwinkel musste dokumentiert werden. Zieht man alle anderen misslungenen Versuche ab, dann habe ich ungefähr acht Arbeitsstunden für das erste Design aus Nessel benötigt. Acht Stunden, fünf Meter Stoff und viel zu viele Stecknadeln Arbeit können sich sehen lassen. Doch die Freude dauerte nur kurz an, denn die Aufgabe war es, drei Designs aus dem Nesselstoff zu kreieren.

Also auf ein Neues: Für das nächste Design habe ich deutlich weniger Zeit und Energie benötigt. Dieses Design gefiel mir am besten. Das sollte auch später die Inspiration für das Finale Kleid werden. Dadurch, dass mit dieser Entscheidung der Druck raus und ich aufeinmal so richtig im ‚Flow‘ war, ging das dritte Design in ungelogen dreizig Minuten über die Bühne.

Alle drei Nesselmodelle haben mich Energie, Kreativität und Aushaltevermögen gekostet. Doch sie können sich sehen lassen. Bei ‚Designerstücken‘ muss man immer betonen, dass es nicht jedermanns Geschmack trifft und man es gewöhnlich nicht im Alltag trägt. Modedesigner:innen wandeln Kleidungsstücke in Kunst um.

Nesselmodell 1
Nesselmodell 2
Nesselmodell 3

Nachdem ein Design ausgewählt wurde, haben wir den richtigen Stoff bekommen. Ein Kitenge, welcher ein buntbedruckter Baumwollstoff festerer Qualität aus Afrika ist. Die erste Herausforderung stellte sich gleich zu Beginn. Der kongolesische Stoff hatte andere Maße als der Nesselstoff. Das veränderte die ursprünglichen Designs. Auch von der Handhabung und natürlich der Qualität war er völlig verschieden. Hier war wieder die Aufgabe: nicht aufgeben und kreativ werden. Doch auch diese kleine Komplikation wurde gemeistert. Das Kleid hing an vielen Stecknadeln an der Schneiderpuppe fest und musste also von dort aus per Hand genäht werden. Einige Verrenkungen später und der Dreh war raus.

die Stunden ziehen vorüber und viele, viele Meter werden per Hand genäht

Wie viele Arbeitsstunden mich das Nähen gekostet hat, habe ich nicht gezählt. Ich erinnere mich auch nur noch wage an die durchgearbeiteten Nächte. Das Beenden dieser Arbeit hat mich aufjedenfall mehrere Wochen gekostet.

Die Semesterabschlussprüfung verlief erfolgreich. Für diese waren noch Modezeichnungen und technische Zeichnungen notwendig. Über diese würde ich in einem weiteren Blogbeitrag erzählen.

Beim Fotoshooting, im darauffolgenden Semester, haben wir mit Miriam Werner (Modell) und Miguel Löhmann (Fotograf) zusammengearbeitet.

Ich bin sehr zufrieden mit meinem Kleid, bin mir jedoch bewusst, dass es noch lange nicht Fashion Week reif ist. Ich habe viel über meine eigenen Grenzen und versteckten Talente gelernt. Auch wenn mir das erste Semester viel abverlangt hat, bin ich mit stolz erfüllt und präsentiere hiermit mein Kleid!


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